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Interview mit Marita Patos (versuchte Republikflucht)


Dieses Interview habe ich mit Marita Patos geführt die versucht hat, im März 1977, aus der DDR zu fliehen.

Datum des Interviews: 05.01.2007

Marita Patos = MP, Lukas Czarnecki = LC

LC: "Hallo Marita!"
MP: "Hallo Lukas!"
LC: "Könntest du uns eine Zusammenfassung deines Lebens in der DDR geben?"
MP: "Ich wurde in Berlin-Lichtenberg (Ost-Berlin, DDR) geboren. Die Gehirnwäsche in der DDR begann bereits im Kindergarten. Als ich ein Kind war (in den 60er Jahren) kamen US Soldaten oft durch Ost-Berlin und warfen Süßigkeiten, Kaugummis, Schokolade und Fotos von Filmstars aus dem Auto. Ich war so begeistert, dass ich einen Amerikaner heiraten wollte. In der Schule hatten wir ein Fach namens Staatsbürgerkunde wo uns die Lehrer schlechte Dinge über Westdeutschland erzählten. Ich war rebellisch, ich hasste dieses Fach und jedesmal wenn der Lehrer das Klassenzimmer betrat, verließen meine Freundin und ich das Klassenzimmer. Ich hatte viele Freunde und Verwandte in West-Berlin und wusste somit, dass Sie uns in der Schule nicht die Wahrheit erzählten. Als Jugendliche liebte ich es BBC Radio und besonders amerikanische Musik zu hören. Ich konnte kein Englisch, aber dennoch liebte ich es. Alles was aus dem Westen kam war für mich sehr aufregend. In der Oberschule trug ich gerne Kleidung mit der US Flagge und westlicher Werbung. Ich bekam Ärger und musste nach Hause gehen und mich umziehen. Als ich im Kindergarten arbeitete war es nicht möglich die Fernseh- und Radiosender zu wechseln, weil die Knöpfe entnommen wurden."
LC: "Wann dachtest du zum ersten mal daran die DDR zu verlassen?"
MP: "1974 habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt und 1975 dachten wir daran die DDR zu verlassen. 1975 wurde mein Sohn geboren. 1976 begannen mein Mann und ich Briefe an die Regierung zu schreiben, mit der Bitte die DDR verlassen zu dürfen. Jemand trat mit uns in Kontakt und drohte uns, dass wir unsere Wohnung, unsere Arbeit und sogar unser Kind verlieren könnten wenn wir nicht aufhören diese Briefe an die Regierung zu schreiben."
LC: "Habt ihr aufgehört diese Briefe zu schreiben oder wirklich einen Verlust dadurch erlitten?"
MP: "Wir haben nicht aufgehört diese Briefe zu schreiben und sie haben uns auch nichts weggenommen. Sie wollten uns nur Angst machen."
LC: "Was waren die Gründe warum ihr die DDR verlassen wolltet?"
MP: "Es waren viele Gründe. Es gab keine Redefreiheit, man durfte das Land nicht ohne eine Genehmigung verlassen, man durfte nicht das machen was man wollte. Z. B. konnten wir unsere Freunde und Verwandten in West-Berlin nicht besuchen. Man arbeitete hart, aber man verdiente nicht so viel Geld. Man konnte sich nichts leisten. Eines Tages hatten wir genug von diesen Problemen."
LC: "Wann dachtet ihr zum ersten mal daran in den Westen zu fliehen?"
MP: "Im Februar 1977 begannen wir an eine Flucht zu denken. Anfang März 1977 beschlossen wir aus der DDR zu fliehen."
LC: "Wie sah euer Fluchtplan aus?"
MP: "Mein Mann hat den Plan entwickelt. Von Anfang an wollten wir niemanden verletzen. Der Plan sah vor zur Autobahn zu gehen und jemanden mit seinem Wagen zu entführen. Wir wollten, dass diese Person uns über die Grenze bringt. Wir hatten eine Sprengstoffattrappe und ein Messer bei uns und dachten, dass die Grenzsoldaten uns durchlassen würden wenn wir ihnen die Sprengstoffattrappe zeigen würden."
LC: "Wie habt ihr den Plan umgesetzt?"
MP: "In der Nacht vom 8. März 1977 verließen mein Mann, mein Kind und ich unsere Wohnung mit nichts anderem als der Kleidung die wir gerade trugen, einer Sprengstoffattrappe, einem Messer, persönlichen Fotos und unseren Personalausweisen. Wir gingen zur Autobahn und hielten einen vorbeikommenden Wagen an. Der Wagen hielt an und nahm uns mit. Wir unterhielten uns miteinander und der Fahrer sagte uns, dass er der Zweite Sekretär der Kubanischen Botschaft in Ost-Berlin ist. Nach ein paar Minuten holten wir die Sprengstoffattrappe und das Messer raus und erzählten ihm von unserem Plan. Dann passierte alles sehr schnell, er bekam Angst und stoppte sofort den Wagen. Er machte den Motor aus, nahm die Schlüssel und stieg aus dem Wagen aus. Er wartete außerhalb des Wagens und wollte, dass wir aussteigen und wir taten es. Wir dachten es sei hoffnungslos und wir wollten den Mann nicht verletzen. Wir ließen alles im Wagen (persönliche Fotos, unsere Personalausweise, das Messer und die Sprengstoffattrappe). Dann gingen wir nach Hause."
LC: "Was passierte dann?"
MP: "Einige Stunden später kam die Stasi (Staatssicherheit) in unsere Wohnung um uns zu verhaften. Wir wurden in das Untersuchungsgefängnis in Berlin-Pankow gebracht. Von außen sah es wie ein Bürogebäude aus und nur innen sah man dass es ein Gefängnis ist. In dem Gebäude war ein Innenhof und wir sahen einige Wärter mit Maschinenpistolen."
LC: "Was machten sie mit euch im Untersuchungsgefängnis?"
MP: "Ich wurde von meinem Mann getrennt. Uns wurden viele Fragen gestellt. Diese Befragung dauerte um die 8 Stunden oder mehr. Sie fragten uns warum wir fliehen wollten, wie lange wir es geplant haben usw. Sie stellten uns ein und diesselbe Frage auf viele verschiedene Arten."
LC: "Wie lange ward ihr im Untersuchungsgefängis? Wann fand der Prozess gegen euch statt?"
MP: "Wir waren 7 Monate im Untersuchungsgefängnis. Unser Prozess fand am 10. Oktober 1977 statt."
LC: "Welche Strafe hast du bekommen?"
MP: "Ich wurde zu einer Gefängnisstrafe von 5 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Wir wurden für Republikflucht, Terror und Entführung verurteilt."
LC: "Könntest du uns etwas über das Alltagsleben im Gefängnis erzählen?"
MP: "Nach der Gerichtsverhandlung wurde ich nach Hoheneck in Stollberg (Sachsen) gebracht. Ich wurde mit einem alten hölzernen Eisenbahnwaggon transportiert. Die Waggons hatten keine Fenster und es war sehr dunkel. Jeder Häftling war in einer Zelle. Die Fahrt dauerte mehrere Stunden. Als wir in Hoheneck ankamen mussten wir uns ausziehen und wir wurden durchsucht ob wir nicht etwas mitgebracht haben. Ich war in einer Zelle mit über 20 Frauen. 4 Frauen und ich wollten nach West-Berlin fliehen, aber die anderen waren Kriminelle: Diebinnen, Nazis und Mörderinnen. Diese 4 Frauen und ich wurden Freundinnen. Die Zellen waren oft sehr kalt und das Wasser in den Duschen war auch kalt. Das Essen war oft verdorben. Viele Frauen wurden krank. Wir mussten verschiedene Produkte herstellen, ich z. B. Strumpfhosen. Wir mussten sehr hart und schnell und unter sehr schlechten Bedingungen arbeiten. Wir bekamen ein sehr niedriges monatliches Taschengeld."
LC: "Wie kam es, dass du vorzeitig entlassen wurdest?"
MP: "Anfang September 1979 wurde ich nach Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz) gebracht. Am 29. September 1979 wurde ich mit einem Bus nach Giesen in Niedersachsen (Westdeutschland) gebracht. Es waren viele Häftlinge im Bus und ich traf dort auch meinen Mann. Ich habe meinen Mann lange Zeit nicht gesehen, weil er in einem Gefängnis in Brandenburg war. An der Grenze stiegen die Stasi-Wachen aus dem Bus aus. Hinter der Grenze bekamen wir etwas zu trinken und zu essen. Alle waren sehr glücklick und einige schrien vor Glück. Wir wurden freigelassen, weil die westdeutsche Regierung viel Geld für unsere Freilassung bezahlt hat."
LC: "Gibt es noch etwas was du hinzufügen möchtest?"
MP: "Bis heute habe ich Gesundheitsprobleme, aber ich habe gelernt damit zu leben. Viele Menschen haben Alpträume und psychische wie physische Probleme für den Rest ihres Lebens behalten."
LC: "Ich danke dir für dieses sehr interessante und erschreckende Interview."


Autor und Webmaster: Lukas Czarnecki

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Letzte Änderung: 20.01.2007