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Interview mit Leonard Vum Ko Hau (ehemaliger Fluchthelfer)


Dieses Interview habe ich mit meinem Freund Leonard Vum Ko Hau geführt der von 1976 bis 1981 Personen aus dem Ostblock nach West-Berlin geschleust hat.

Datum des Interviews: 04.01.2006

Leonard Vum Ko Hau = LVKH, Lukas Czarnecki = LC

LC: "Hallo Leo!"
LVKH: "Hallo Lukas!"
LC: "Du hattest ein sehr interessantes und bewegtes Leben und bevor wir zu dem Hauptthema des Interviews kommen wäre es schön, wenn kurz über dein Leben berichten könntest."
LVKH: "Ich komme aus Burma und gehöre zur ethnischen Minderheit der Chin (Zo). Mein Vater hat als Botschafter von Burma gearbeitet und deshalb bin ich in verschiedenen Ländern aufgewachsen. Ich habe Burma verlassen als ich 4 Jahre alt war. Von 1956 bis 1959 war mein Vater Botschafter in Paris (Hauptstadt von Frankreich). Dort habe ich angefangen die Grundschule zu besuchen. Von 1959 bis 1965 war mein Vater Botschafter in Jakarta (Hauptstadt von Indonesien). Dort habe ich die Regina Pacis High School des Franziskaner-Ordens in Jakarta besucht. Von September bis Dezember 1965 hat mein Vater als Delegierter an der UNO-Vollversammlung in New York teilgenommen. Von 1966 bis 1971 war mein Vater Botschafter in Phnom Penh (Hauptstadt von Kambodscha). Dort habe ich ein französisches Gymnasium besucht. Von 1971 bis 1975 war mein Vater Botschafter in Prag (Hauptstadt von Tschechien). Da 1971 die USA in Kambodscha einmarschiert sind und es zu kriegerischen Handlungen kam konnte ich mein Abitur dort nicht machen und habe es in Prag gemacht. 1975 ist mein Vater nach Burma zurückgekehrt und ich bin in Prag geblieben. Von 1971 bis 1975 habe ich Volkswirtschaft an der Universität in Prag studiert. Nach meiner Magister-Arbeit habe ich 2 Jahre Praktika in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben (Geflügelzucht, Fischzucht, Hopfenbetrieb) gemacht. 1978 habe ich angefangen meine Doktor-Arbeit zu schreiben. Ich konnte meine Doktor-Arbeit jedoch nicht fertig schreiben, weil ich am 26.9.1981 am Checkpoint Charlie in Ost-Berlin verhaftet wurde."
LC: "Bevor wir nun zu dem Hauptthema kommen wollte ich dich noch fragen welche Sprachen du beherrschst."
LVKH: "Meine Muttersprache ist Chin (Zo). Außerdem beherrsche ich Englisch, Deutsch, Tschechisch, Französisch und Indonesisch."
LC: "Also 6 Sprachen sind wirklich eine Menge! Und nun zum Hauptthema. Wann hast du damit angefangen Personen über die Grenze nach West-Berlin zu schleusen?"
LVKH: "Das erste mal habe ich 1976 eine Person nach West-Berlin geschleust und das letzte mal am 26.9.1981."
LC: "Warum hast du Personen nach West-Berlin geschleust?"
LVKH: "Ich war Student in Prag und es war für mich ein Nebeneinkommen."
LC: "Wieviele Leute hast du insgesamt nach West-Berlin geschleust?"
LVKH: "Ich habe insgesamt 33 Personen nach West-Berlin geschleust. 32 waren DDR-Bürger und einer war ein Bürger der Tschechoslowakei."
LC: "Wie bist du auf die Idee Personen zu schleusen?"
LVKH: "Es haben mich Personen gefragt, ob ich sie in den Westen schleusen kann, weil ich einen Diplomatenpass besaß."
LC: "Konntest du deshalb Personen nach West-Berlin schleusen, weil du einen Diplomatenwagen besessen hast?"
LVKH: "Nein entscheidend war der Diplomatenpass und nicht das Auto."
LC: "Wie und wo hast du die Personen immer abgeholt und wie ist die ganze Aktion verlaufen?"
LVKH: "Wir haben uns an verschiedenen Treffpunkten in Ost-Berlin getroffen und die Personen hatten als Erkennungszeichen immer eine weiße Plastiktüte dabei. Außerdem hatten wir eine vereinbarte Code-Phrase. Sie haben mich immer gefragt 'Fahren Sie nach Tierpark?' und meine Antwort lautete 'Ja!'. Dann sind wir zu meinem Wagen gegangen und ich habe sie im Kofferraum versteckt. Vorher habe ich die Gummidichtungen im Kofferraum entfernt damit die Personen atmen konnten. Diese Aktionen habe ich natürlich nur nachts gemacht. Meinen Wagen habe ich auf einem dunkelen und ruhigen Parkplatz in Ost-Berlin abgestellt, so dass die Personen nicht gesehen werden konnten, wenn sie in den Kofferraum eingestiegen sind. Darüber hinaus habe ich hinten spezielle Stoßdämpfer einbauen lassen. Nachdem die Personen in den Kofferraum eingestiegen sind habe ich die Stoßdämpfer, von innen, mit einer automatischen Pumpe aufgepumpt damit der Wagen hinten nicht tiefer liegt als vorne. Von außen konnte daher niemand sehen, dass sich im Kofferraum etwas Schweres befindet. Und dann bin ich zum Checkpoint Charlie gefahren und dort habe ich meinen Diplomatenpass vorgelegt. In der Regel konnte ich nach 2 bis 3 Minuten nach West-Berlin weiterfahren. In West-Berlin habe ich die Personen dann in einem Parkhaus rausgelassen. Die Aktion vom Zusammentreffen mit den Personen bis zur Ankunft in West-Berlin hat in der Regel nur 20 bis 30 Minuten gedauert."
LC: "Das ist ja so spannend wie ein Thriller! Hattest du immer viel Angst beim passieren des Checkpoint Charlie?"
LVKH: "In der Regel hatte ich nicht viel Angst."
LC: "Was war am 26.9.1981 anders als du den Checkpoint Charlie passieren wolltest?"
LVKH: "Am 26.9.1981 habe ich, wie immer, meinen Diplomatenpass abgegeben und diesmal hat es lange gedauert. Anstatt die Schranke hochzuheben haben sie sie mit einer schweren Kette verstärkt. Danach wurde ich gezwungen in eine Garage, am Checkpoint Charlie, zu fahren. Ich wurde mit meinem Wagen in der Garage eingeschlossen. Dann kam ein Offizier und hat mich gezwungen meinen Kofferraum zu öffnen. Ich habe ihn geöffnet und sie haben die Personen entdeckt. Dann musste ich den Kofferraum gleich wieder zumachen und die Personen mussten drinbleiben. Nach ca. 15 Minuten ist ein Grenzpolizist mit einem Fotoapparat gekommen und hat die Personen, wie sie im Kofferraum lagen, sowie mich und meinen Wagen fotographiert. Nach ungefähr einer halben Stunde wurde ich in das Untersuchungsgefängnis der Stasi, in Hohenschönhausen, gebracht."
LC: "Konntest du in dem Moment wo du enttarnt wurdest nicht schnell durch den Checkpoint Charlie durchfahren?"
LVKH: "Die Grenze am Checkpoint Charlie wurde mit einer sehr massiven Eisen-Schranke mit Gittern verschlossen. Dahinter gab es weitere Hindernisse, so dass man sich langsam hindurch schlengeln musste. Kurz vor der Einfahrt nach West-Berlin gab es noch eine weitere massive Eisen-Schranke mit Gittern. Es war also mit einem Pkw unmöglich diese Schranken zu durchbrechen."
LC: "In welchem Moment ist dir der Verdacht gekommen, dass du enttarnt wurdest?"
LVKH: "Es wurde mir in dem Moment klar als sie die Schranke mit der schweren Kette verstärkt haben."
LC: "Was haben sie während der Untersuchungshaft mit dir gemacht?"
LVKH: "In der Untersuchungshaft wurde ich entkleidet und ich wurde, in jeder Körperöffnung, genau durchsucht. Meine Privatsachen musste ich alle abgeben und ich habe einen Trainingsanzug bekommen, wie jeder andere Untersuchungshäftling auch. Seit meiner Ankunft wurde ich fast jeden Tag, außer am Wochende, 7 bis 8 Stunden lang verhört und zwar 4 Monate lang. Ich war insgesamt 1 Jahr in Untersuchungshaft."
LC: "Wann fand das Gerichtsverfahren gegen dich statt? Welche Strafe hast du erhalten?"
LVKH: "Im März 1982 fand, an zwei Tagen, das Gerichtsverfahren gegen mich statt. Ich wurde zu 15 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Im September 1982 wurde ich in die Strafvollzugsanstalt Berlin-Rummelsburg verlegt."
LC: "Das war eine sehr harte Strafe. Musstest du in der Strafvollzugsanstalt noch etwas tun?"
LVKH: "Dort gab es eine Arbeitspflicht und wir mussten in drei Schichten arbeiten. Wir mussten elektrische Relais für die Firma EAW (Elektro-Apparate-Werk) herstellen. Wir bekamen jeden Monat etwas Taschengeld und konnten damit etwas im Gefängnis-Laden kaufen z. B. Nahrungsmittel und Tabakwaren."
LC: "Wie kam es, dass du vorzeitig entlassen wurdest?"
LVKH: "Nach 4 Jahren und 3 Monaten wurde ich in die Stasi-Untersuchungshaft nach Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) verlegt. Nach ca. 3 Wochen wurde ich nach West-Berlin gebracht, weil mich Westdeutschland freigekauft hat."
LC: "Abschließend noch einige Fragen. Inwiefern warst du dir des Risikos bewusst enttarnt zu werden?"
LVKH: "Ich ging am Anfang davon aus, dass ich, im Falle der Festnahme, nach einer kurzen Zeit abgeschoben werde."
LC: "Weißt du heute wie es dazu gekommen ist, dass du enttarnt wurdest?"
LVKH: "Ich gehe davon aus, dass ich verraten wurde, aber ich weiß nicht von wem."
LC: "Ich danke dir für das äußerst spannende Interview!"


Autor und Webmaster: Lukas Czarnecki

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Letzte Änderung: 21.01.2006