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Interview mit Rysiek Sieczka (ehemaliger Pilot der Polnischen Luftwaffe)


Dieses Interview habe ich mit meinem Onkel Rysiek Sieczka geführt der von 1955 bis 1982 Pilot der polnischen Luftwaffe war - zuletzt im Rang eines Oberstleutnants. Er ist hauptsächlich mit der MiG-21 geflogen.

Datum des Interviews: 23.09.2005

Rysiek Sieczka = RS, Lukas Czarnecki = LC

LC: "Guten Tag Onkel!"
RS: "Hallo! Guten Tag!"
LC: "Onkel in welchem Jahr hast du deine Offizierskarriere begonnen?"
RS: "1955 bin ich in die Offiziersschule Radom eingetreten."
LC: "Wann hast du die Schule beendet und angefangen zu fliegen?"
RS: "Nun, geflogen bin ich schon in der Schule, aber beendet habe ich die Schule 1959. Dann war ich zuerst in einer Einheit in Danzig und später bis zum Ende meiner Karriere in Gdingen."
LC: "Mit welchem Rang hast du die Schule abgeschlossen?"
RS: "Als Leutnant."
LC: "Bis wann bist du geflogen?"
RS: "Bis 1982."
LC: "Mit welchen Flugzeugen bis du geflogen?"
RS: "In der Schule bin ich zuerst mit Schulflugzeugen geflogen, danach mit Düsenflugzeugen und zwar MiG-15 und MiG-15bis und auch mit polnischen Modellen dieser Flugzeuge: LiM-1, LiM-2, LiM-5, LiM-5P. Später bin ich dann mit der verschiedenen Modellen der MiG-21 geflogen, zuletzt mit der MiG-21bis."
LC: "Jetzt habe ich einige Fragen dazu welche Auswirkungen der Kalte Krieg auf das Militär in Polen hatte. Polen gehörte ja nun zum Warschauer Pakt und meine erste Frage ist mit welchen anderen Staaten ihr gemeinsame Übungen gemacht habt."
RS: "Mit allen Staaten des Warschauer Paktes, also mit der Sowjetunion, Ostdeutschland, der Tschechoslowakei, Ungarn. Auch mit Litauen haben wir Übungen gemacht, aber das gehörte ja damals zur Sowjetunion."
LC: "In welchen anderen Staaten, außer Polen, hast du an Übungen teilgenommen?"
RS: "Ich war z. B. in Neubrandenburg und Peenemünde, sehr oft bin ich nach Kaliningrad geflogen und auch nach Astrachan für Übungen mit scharfen Raketen."
LC: "Worin haben sich die Übungen in Astrachan von denen in Polen, in Gdingen, unterschieden?"
RS: "Bei den Übungen in Astrachan haben wir mit scharfen Raketen auf unbemannte, fliegende Ziele geschossen. Wir haben die Ziele abgeschossen und damit endete die Übung."
LC: "Wurde Astrachan deshalb für diese Übungen ausgewählt, weil das Gebiet dort kaum bevölkert ist?"
RS: "Ja genau, Astrachan liegt zwar an der Wolga, aber um Astrachan herum ist Steppe und dort wohnen sehr wenig Menschen. Wenn man aus der Luft guckt dann sieht vereinzelte Häuser die kilometerweit voneinander entfernt sind. Jetzt ist es besser denn jetzt gibt es dort Windkrafträder die Strom erzeugen, aber früher gab es dort noch nicht einmal Strom. Recht selten hat man dort auch Fahrzeuge gesehen. Alles in allem führen die Menschen dort ein einfaches Leben."
LC: "War Astrachan der am weitesten entfernte Ort den du während deiner Dienstzeit besucht hast?"
RS: "Ja Astrachan war der am weitesten entfernte Ort in dem ich war."
LC: "Welche Art von Übungen hast du in Peenemünde und Neubrandenburg gemacht?"
RS: "Hier haben wir nicht scharf geschossen. Es ging vor allem um die Koordination der ostdeutschen und der polnischen Piloten für den Ernstfall. Die Übungen der Luftwaffe haben vor allem das Ziel das feindliche Flugzeug abzuschießen. Wir haben natürlich nicht scharf geschossen, aber wir haben solche Übungen gemacht."
LC: "Bei diesen Treffen der verschiedenen Luftwaffen des Ostblocks ging es also vor allem um die Koordination."
RS: "Es ging um die Koordination, es ging darum andere Piloten kennenzulernen und zu sehen wie sie fliegen und die Aufgaben erfüllen. Im Westen war es genauso, dort haben sie auch zusammen geübt. Über der Ostsee, auf neutralem Gebiet, haben wir auch schwedische, deutsche und manchmal sogar amerikanische Kampfflugzeuge getroffen."
LC: "Waren diese Treffen eher zufällig oder waren es gezielte Provokationen?"
RS: "Sie haben ihre Übungen gemacht und wir haben unsere Übungen gemacht, daher waren diese Treffen eher zufällig. Manchmal näherten wir uns, haben uns mit den Flügeln zugewunken und sind nach Hause geflogen. Es gab da keine Angriffe, sondern diese Treffen waren eher lustig. Jeder wollte dem anderen zeigen wie sein Flugzeug aussieht."
LC: "Man kann also sagen, dass, abgesehen von der politischen Situation dieser Zeit, das Verhältnis der Piloten aus Ost und West nicht feindselig war."
RS: "So kann man das sagen. Wir wussten ja beide in dem Moment, dass uns nichts von der anderen Seite her droht. Wäre es zum Krieg gekommen dann würde die Situation anders aussehen, aber sonst haben wir uns manchmal bei Übungen in der Luft gesehen und es ist nichts passiert. Manchmal haben uns auch Franzosen besucht und wir haben miteinander gesprochen und Alles war normal."
LC: "Gab es in deiner langen Offizierslaufbahn eine wirklich gefährliche Situation wo du sofort starten musstest?"
RS: "Während wir Bereitschaft hatten mussten wir auf dem Flughafen sein und zwei Flugzeuge standen immer, voll ausgerüstet, bereit. Bei uns ist es jedoch zu keiner Zeit zu einer Bedrohung oder gar einem Angriff gekommen."
LC: "Ich habe nicht an einen echten Angriff gedacht, sondern eher daran, dass es hin und wieder im Kalten Krieg auch falschen Alarm gab. Gab es bei Euch auch mal so eine Situation?"
RS: "Bei uns ist so etwas nicht vorgekommen, aber manchmal mussten wir Flugzeuge die vom Kurs abgekommen sind wieder auf Kurs bringen. Wir haben anderen Flugzeugen also eher geholfen. Es ging bei der Bereitschaft aber natürlich auch darum, dass niemand den Luftraum verletzt."
LC: "Wie unterscheidet sich die heutige Bereitschaft der Luftwaffen von der im Kalten Krieg?"
RS: "Heutzutage kann man kaum von Bereitschaft bei der polnischen Luftwaffe sprechen, weil die polnische Luftwaffe einfach zu wenig Flugzeuge besitzt. Die polnische Luftwaffe hat zwar einige MiG-29 und sie sind auch gut, aber es sind einfach zu wenig. Außerdem wird eine eigene Luftwaffe nicht so dringend gebraucht denn die NATO ist bewaffnet und schützt uns. Bald bekommen wir einige F-16 und dann haben wir mehr Flugzeuge, aber im Moment bedroht uns niemand und wir müssen uns vor niemandem schützen, weder aus Ost noch West."
LC: "Wenn du keinen Dienst hattest musstest du auch immer in der Nähe des Flughafens sein oder wie sah die Bereitschaft dann aus?"
RS: "Es war so, dass jeder in einem Bereich wohnen musste wo man die Sirene hören konnte. Wenn Alarm gegeben wurde dann musste man sich so schnell wie möglich zum Flughafen begeben. Das war während meiner ganzen Dienstzeit so."
LC: "Musstest du auch mal aufgrund eines solchen Alarms schnell zum Flughafen fahren?"
RS: "Mehrere Male im Jahr gab es Übungs-Alarm um die Bereitschaft zu testen. Manchmal war es dann auch mit einer anschließenden Flugübung gekoppelt."
LC: "Wie du jedoch vorher gesagt hast gab es während deiner Dienstzeit keine wirkliche Bedrohung."
RS: "Das nicht, aber wir hatten manchmal erhöhte Bereitschaft vor allem während der Kuba-Krise und auch einige Male während des Vietnam-Krieges."
LC: "Am Ende wollte ich noch fragen welche persönlichen Erinnerungen und Gefühle du in Bezug auf den Kalten Krieg hast und deinen Beruf während des Kalten Krieges."
RS: "Ich war immer derselben Meinung und zwar, dass der ganze Kalte Krieg unnötig war, aber wenn man sich gegenseitig provoziert hat dann ist es halt dazu genommen. Wir waren im Warschauer Pakt und mussten das machen was die Genossen im Osten von uns verlangten. Damals war unsere Luftwaffe auch stark, aber dennoch war das Ganze unnötig und hat viel zu viel gekostet. Dann ist die Sowjetunion auseinander gefallen und nun ist Alles normal und es gibt keine Bedrohung."
LC: "Dann danke ich Dir für das Interview und es war sehr interessant!"


Autor und Webmaster: Lukas Czarnecki

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Letzte Änderung: 21.01.2006